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Der
historische Ort Giebichenstein lag zur Zeit des fränkischen
Reiches inmitten des Gaues Neletici. Obwohl er nicht als Burgward
benannt worden ist, kann man davon ausgehen, dass er als wichtiger
Herrschaftsort eine Burgwardähnliche Funktion inne gehabt
hat. Die Burgwardorganisation war der erste Versuch des deutschen
Königs, die im 9. Jh. eroberten slawischen Gebiete einer
feudalen Ordnung zu unterwerfen. Die Wichtigkeit der an einer
Handelsstraße und wichtigen Salzquellen gelegenen Siedlung
unterstreicht die Tatsache, dass Otto I. in Giebichenstein Urkunden
ausstellte. 961 erfolgte die Ersterwähnung als "civitas,
que Givicansten nuncupatur" als Hauptort des Gaues Neletici.
In einer anderen Urkunde vom gleichen Tag nennt man ihn "urbs
videlicet Giviconsten cum salsugine". Das Gau Neletici und
Giebichenstein wurden dem Moritzkloster in Magdeburg übereignet.
Aus dem Kloster ging 968 das neu gegründete Erzbistum Magdeburg
hervor.
Mit den Bauten
der heutigen Burg Giebichenstein hatte die Burg des 10. Jh. wenig
zu tun. Ihr genauer Standort ist nicht sicher geklärt. Es
ist jedoch wahrscheinlich, dass sie sich auf der Bergkuppe östlich
der heutigen Befestigung auf dem als "Alte Burg" oder
Amtsgarten bezeichneten Gelände befand. Eine Erwähnung
1116 als "castrum Givekenstein" und die Benennung einer
Burgkapelle bezieht sich wahrscheinlich auf die Alte Burg, wie
auch alle anderen Erwähnungen im 10. und 11. Jahrhundert.
Für das
junge Erzbistum Magdeburg hatte die Burg eine besondere Bedeutung,
die sich heute nicht mehr zweifelsfrei erschließen lässt.
So war sie Sterbe- bzw. Aufbahrungsort von drei Bischöfen,
Bischof Adalberts 981, Bischof Taginos 1012 und im gleichen Jahr
Bischof Walthards. Darüber hinaus diente sie noch dem König
als "Staatsgefängnis" für Mitglieder des Hochadels.
Unter den Gefangenen waren so bedeutende Personen wie Heinrich
vom Nordgau 1004, Adalbert von Este 1014-18, Ernst von Schwaben
1027-29 und Gottfried von Lothringen. Nicht zuletzt war hier auch
Ludwig der Springer, der Landgraf von Thüringen, angeblich
für seinen Mord am Pfalzgrafen von Sachsen in Haft.
Die Bedeutung
der Burg wird auch durch die Anwesendheit von Heinrich IV. 1064
auf der Burg unterstrichen. Friedrich I. Barbarossa berief 1157
die Fürstenversammlung auf die Burg ein, die den zur Durchführung
der deutschen Ostexpansion geplanten Polenfeldzug vorbereitete.
Die entscheidende
Umgestaltung der Herrschaft Giebichenstein vom Burgward zum landesherrlichen
Territorium des Erzbistums Magdeburg erfolgte unter Erzbischof
Wichmann (regierte 1152-1192). Wichmann urkundete seit 1154 mehrfach
auf Giebichenstein. In diese Zeit fallen auch die ältesten
archäologisch ergrabenen Mauerreste auf der Oberburg. Auf
dem bisher unbebauten Burgfelsen entstand baueinheitlich der Torturm,
Ringmauer und Südturm. Neben dem engen Eingang durch den
massiven romanischen Torturm existierte an der Ostseite offenbar
ein zweiter Eingang. An der Südseite befand sich ein weiterer
Turm. Für die Ringmauer wurde eine ehemalige Höhe von
mindestens 4,50 Metern ermittelt. Ansichten aus dem 16./17. Jh.
zeigen hier zwei übereinander gelegene Wehrgänge, die
aber spätere Ergänzungen sein dürften. Ebenfalls
in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts erbaute man an
die Ringmauer angelehnt an der Nordseite einen Wohnturm und den
Palas.
Der spätromanische
Wohnturm, eventuell als Kemenate zu bezeichnen, hatte eine fast
Grundfläche von elf Metern im Quadrat. Er war mit hohem Komfort
ausgestattet und hatte eine im Mauerwerk eingebaute Treppe und
Kamine. Bei der Ausgrabung fand man einen hohlen Pfeiler mit Vierpassöffnungen.
Seine Funktion ist ungeklärt. Er zeugt aber neben anderem
Bauschmuck von dem repräsentativen Aussehen des Bauwerkes.
Der Eingang zum Wohnturm befand sich exakt gegenüber dem
Eingang zur Burgkapelle.
Man errichtete
auch eine im Hof freistehende Kirche. Auch diese Kirche war mit
Sicherheit repräsentativ ausgestattet, wie es bei einer Residenz
eines Kirchenfürsten anzunehmen war. Als Vergleichsbauwerk
wird die Klosterkirche in Wimmelburg und die Kirche des Kollegialstiftes
auf Schloss Seeburg angeführt.
Der prächtigste
Bau der Oberburg war der an der Nordseite befindliche Palas. Er
hatte eine Größe vo 36 x 11 Metern. Es wurden die Mauern
von fünf Räumen ergraben, die alle vom Hof aus zugänglich
waren. Vor dem Palas war ein Arkadengang gelegen, der auch in
den Obergeschossen den Zugang zu den dort befindlichen Räumen
ermöglicht haben wird. Das Aussehen dieses Gebäudes
kann man sich so wie die Palasgebäude der Runneburg und der
Wartburg vorstellen. Auch hier wurde eine ungewöhnliche Fülle
von Bauschmuck gefunden.
Westlich von
Kapelle und Wohnturm existierte ein aus mehreren Gebäuden
bestehender Baukomplex, über den es keine weiteren Überlieferungen
gibt. Grundmauern und zwei Kellerräume von diesen Baulichkeiten
haben sich bis heute erhalten.
1215 soll
die Burg Giebichenstein durch Kaiser Friedrich II: belagert worden
sein. Hintergrund dürfte der staufisch-welfische Thronstreit
zwischen Kaiser Friedrich II. und Otto IV. gewesen sein. Der damalige
Erzbischof Albrecht II. hatte sich auf die Seite der Welfen gestellt.
Über den Ausgang der Kämpfe ist nichts bekannt, Otto
IV. verlor aber zur damaligen Zeit die letzten Verbündeten
und musste seine Ansprüche auf den Thron aufgeben.
Für die
Zeit um 1260/66 sind unter Erzbischof Ruprecht Instandsetzungsarbeiten
überliefert. Ein umfassender Ausbau der Burg erfolgte 1361
bis 1368 unter Erzbischof Dietrich. Östlich des Palas' erbaute
man ein repräsentatives Gebäude, das später noch
einen südlichen Anbau erhielt. Das Erscheinungsbild der Burg
wurde vom romanischen zum gotischen Baustil umgestaltet.
Von 1382 an
war die Burg Giebichenstein Hauptresidenz der Erzbischöfe
von Magdeburg. Von hier aus führten sie die Auseinandersetzungen
mit der Stadt Halle um deren Unabhängigkeit. Seit 1369 stellten
die Erzbischöfe fast alle Urkunden hier aus und seit 1402
verstarben alle Erzbischöfe auf der Burg.
Unter den
Erzbischöfen Günther II. und Friedrich III. wurde die
Unterburg in den Jahren 1445 bis 1464 errichtet. Günther
II. hatte vorher die Burgen Lauchstädt, Liebenau und Schkopau
zur Finanzierung des Baus verkauft. Ein Vorgängerbau der
Unterburg ist archäologisch nicht erwiesen. Es ist aber anzunehmen,
dass eine Vorburg oder ein Wirtschaftshof für eine so wichtige
Burg existiert hat (eventuell die Alte Burg?). Die Ringmauer mit
den Flankierungstürmen, der Burggraben und die innere Randhausbebauung
entstanden in einem einheitlichen Bauprozess. Nur die östliche
Ringmauer blieb, vom Torhaus abgesehen, frei von Gebäuden.
In der Regierungszeit Erzbischof Johannes entstand das frei auf
dem Burghof stehende Kornhaus.
Schon wenige
Jahre nach der Fertigstellung der Unterburg wendete sich das Schicksal
der Burg. Erzbischof Ernst von Sachsen, Bruder des durch die Reformation
bekannten Friedrich des Weisen, ließ in Halle eine neue
Residenz, das bastionierte Schloss Moritzburg errichten. Nach
dessen Fertigstellung 1503, verlor die Burg Giebichenstein ihre
Funktion als Residenz und diente bis ins 20. Jahrhundert als Verwaltungssitz
des großen Amtes Giebichenstein. Bereits um 1500 haben die
Residenzgebäude eine funktionelle Umwidmung zu Wirtschaftszwecken
erhalten. der Westbau der Unterburg erhielt einen südlichen
Anbau, das Brauhaus, während das Mushaus am nördlichen
Ende zur Brennerei umgebaut wurde. 1514 siedelten die Erzbischöfe
endgültig in die Moritzburg um.
Im 16. Jahrhundert
verfiel die Oberburg immer mehr. Reparaturen wurden zum Teil nur
noch in Holz ausgeführt. Ein Merian-Stich von vor 1636 zeigt
den Palas als eine Ruine.
Im Dreißigjährigen
Krieg besetzten die Schweden die Burg. Während der Besetzung
fiel die Oberburg und Teile der Unterburg einem verheerenden Feuer
zum Opfer. Seit dieser Zeit nutzte man die Oberburg nicht mehr.
1706 errichtete
man an der Ostseite der Unterburg das barocke Herrenhaus. Der
Amtsmann Ochs ließ die steinerne Brücke bauen. Weiterhin
gestaltete er Burggraben und alte Burg zu einem Park um.
Seit dem 19.
Jahrhundert wurden verschiedentlich Reparaturen, Abrissarbeiten
im Sinne der Denkmalpflege und Instandsetzungsarbeiten durchgeführt.
1921 wurde die Stadt Halle Eigentümerin der Burg. Sie richtete
in der Unterburg eine Kunstgewerbeschule ein, die eng mit dem
Bauhaus verbunden war. Unter dem Architekten Paul Thiersch brach
man in die Hofseiten der Gebäude große Atelierfenster
in die Mauerfronten ein, während die Außenseite der
Burg ihren mittelalterlichen Charakter behielt. 1958 wurde die
Schule zur Hochschule.
Aus Anlass
der 1000-Jahr-Feier der Stadt Halle führte Hans-Joachim Mrusek
umfassende Ausgrabungen auf der Oberburg durch. Sie führten
zur kompletten Freilegung der Ruine. Nach Beendigung der Grabungen
entstand auf dem Gelände ein Freilichtmuseum und ein beliebter
Aussichtspunkt über das Saaletal.
Quellen: Hans-Joachim
Mrusek - Die Funktion und baugeschichtliche Entwicklung der Burg
Giebichenstein in Halle (Saale) und ihre Stellung im früh-
und hochfeudalen Burgenbau. (ungedruckte Dissertation). Weimar,
1970. / Gerhard Billig - Die Burgwardorganisation im obersächsisch-meissnischen
Raum. Berlin, 1989.
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